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Digital oder mit Hand geschrieben – wie vermitteln Lehrende heute Wissen?

Digital oder mit Hand geschrieben – wie vermitteln Lehrende heute Wissen?

14.07.2021 – Nach dem Lockdown – mit der für einige überraschenden Umstellung auf Online-Vorlesungen – fragen wir: Wie geht es weiter nach der Pandemie? Wie digital oder analog kann bzw. muss die Universität sein? Antworten gibt ein Fachmann, zuhause in der Welt der Lehre und der Bits und Bytes.

Der promovierte Kulturhistoriker Rudolf Inderst

Rudolf Inderst ist promovierter Kulturhistoriker mit dem Schwerpunkt Spieleforschung. Als Dozent unterrichtet er aktuell an mehreren Hochschulen. Er ist außerdem Autor für diverse Online-Medien und arbeitet als Social-Media- und Community-Manager in der Spiele-Industrie.

Wie sehr hat sich Lehren und Lernen während der Pandemie verändert, wie geht es danach weiter? 

Seit Beginn der Lockdownphase im März 2020 unterrichte ich ausschließlich Remote. Seitdem hatte ich keinen meiner Kurse mehr in Präsenz. Aus Berichten von Lehrenden als auch Studierenden kann ich sagen, dass eine Rückkehr in den Präsenzunterricht größtenteils gewünscht wird. Ich persönlich merke deutlich einen Motivations- und Leistungsabfall im Onlineunterricht. Ob das für die Allgemeinheit gilt, kann ich natürlich nicht nachweisen. Auch das Thema Hybrid-Unterricht taucht immer wieder mal auf. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ein Großteil der Studierenden vollständig Präsenzunterricht wünscht.
 

Welchen Einfluss hat heutzutage Digitalisierung auf das Unterrichten?

Schelme würden natürlich sagen, dass die Digitalisierung in Deutschland noch nicht stattgefunden hat und wir nur behelfsplus-mäßig unterwegs sind, aber so kulturkritisch bin ich nicht. Ich finde die Digitalisierung hat merklich etwas zur Verrohung der sozialen Sitten geführt. Oftmals erlebe ich online ein Verhalten, das im Klassenraum nicht denkbar wäre. 

Wovon man wiederum profitiert: Wenn Studierende Wissen aus anderen Kursen über Digitalisierungsprozesse mitbringen und für meinen Unterricht vorschlagen. Das bedeutet, man muss bereit sein, als Lehrender oder Lehrende zusätzliche Arbeit zu investieren, um sich mit neuen bzw. neueren Methoden und didaktischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Strategie ist dabei ein gutes Stichwort. Bisher scheint es keine Einigkeit darüber zu geben, was digitaler Unterricht an Hochschulen bedeutet.
 

Wie wird das Unterrichten nach Corona aussehen, gibt es ein Zurück zur Normalität vor der Pandemie?

Ich denke, dass eine Rückkehr zu dem „Vor-Corona-Zustand“ stattfinden wird. Die Wucht und die kurzfristige und ruckartige Einführung zusammen mit dem Muss-Faktor führen dazu, dass die Menschen sich den „Normalzustand“ zurückwünschen. Wenn die Lernkurve dieser neuen Methoden langsamer stattgefunden hätte, dann wäre der Unterschied zwischen dem Vor-Corona-Zustand und dem derzeitigen Zustand nicht so extrem und die Frage nach dem Vor-Corona-Zustand wäre redundant. Denn die Antwort würde dann lauten „Wir haben doch schon immer hybride Modelle oder Tools zur Digitalisierung im Einsatz.“. Allein durch das Stellen dieser Frage, merkt man welch ein extremer Cut hier stattgefunden hat. Im kollektiven Bewusstsein ist deshalb auch der Gedanke verankert, dass man keine Lust mehr auf diesen „Corona-Zustand“ hat und man lieber wieder eine Kreide in die Hand nehmen möchte und die Studierenden am realen Unterricht teilnehmen. Das glaube ich. Ich lasse mich aber auch gerne überraschen oder belehren, wenn das nicht so ist.
 

Oft ist es besser, die Kreide in die Hand zu nehmen und Tafel oder Flip Chart zu benutzen – als „Center Piece“ der Vorlesung, auf das die Augen der Studierenden gerichtet sind.

Die Tafel wird seit jeher als Unterrichtsmittel an Universitäten genutzt. Welche Arbeitsmittel nutzen Sie in Vorlesungen? 

Das ist ein Dreisatz aus Flipchart, Tafel und Beamer. Das sind die drei häufigsten Arbeitsgeräte, die ich einsetze. 

Die Tafel ist in Hörsälen immer noch eine Art Center Piece. Egal ob die Sitze U oder frontal gestaffelt sind, richten sich alle Augenpaare nach vorne, wo sich in der Regel auch der Dozierende und die Tafel befindet. Oftmals nutze ich die Tafel um die heutige Agenda aufzuschreiben oder ein Stichwort über das gerade länger gesprochen wird. Das Flipchart ist oft ein schneller Tafelersatz oder wenn es um Gruppenarbeiten der Studierenden geht, wo deren Ergebnisse nochmals präsentiert werden und diese nicht als Präsentationen erstell haben, die auch einfach auf dem Beamer an die Wand projiziert werden können. Der Beamer ist für Referate eigentlich die erste Wahl.

Wenn ich Vorträge oder Vorlesungen halte, habe ich meine Folien, die ich an die Wand projiziere, um dann über diese Folien zu sprechen. Wenn man aber feststellt, dass etwas mit den Folien nicht so gut vermittelt werden kann, dann ist es besser die Kreide in die Hand zu nehmen und nochmal zu unterstreichen, worum es in der Folie geht. Taucht zum Beispiel auf der Folie ein Begriff auf, der erklärungsbedürftig ist, kann man dazu schnell ein sprichwörtliches Tafelbild erstellen. Das ist dann der schnellere und unkomplizierte Weg.
 

Welche Vorteile bieten physische Tafeln oder Boards gegenüber digitalen Möglichkeiten?

In erster Linie glaube ich, dass das eine Sache der Einstudierung ist. Eine Tafel oder ein Board ist natürlich sehr Hands-on im buchstäblichen Sinne. Man kann nicht viel verkehrt machen, außer eine Kreide in die Hand zu nehmen und etwas auf Grün oder Schwarz zu schreiben. Das ist im Digitalen weniger der Fall. Aber man darf auch nicht die Herausforderung der Person unterschätzen, das erste Mal mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben. Ich finde das ist immer wieder eine amüsante Übung für die Handschrift. Spätestens hier merkt man, ob man schon lange nichts mehr mit der Hand geschrieben hat. Interessant finde ich auch, das Gefühl zu entwickeln, wie man die Fläche nutzen, wie man die Tafel einteilen kann. Wie groß muss ich ansetzen, im Vergleich zu anderen Elementen, die ich jetzt abbilden möchte? Nicht umsonst ist es nicht so einfach, ein räumliches Gefühl für die Fläche, die man zur Verfügung hat, zu entwickeln.

Der Dozent referiert im Hörsaal
Vorlesungen via Remote am Computer

Was muss Ihrer Meinung nach an Universitäten in Sachen neuer und agiler Arbeitsweisen geändert werden?

Wichtig ist, dass man mit den Studierenden im sozialen Kontext auf Augenhöhe agiert, aber trotzdem klar macht, wer letzten Endes welche Rolle im Hörsaal innehat. Es schadet auch nicht, die Studierenden zu fragen, welche Arbeitsweise sich bei ihnen mehrheitlich gut etabliert hat, die man selbst vielleicht gar nicht auf dem Schirm hat. 
 

In welcher Weise verwenden Sie Kreativmethoden in der Vorlesung?

Ich bin ein großer Fan von Performanz oder performativen Unterrichtsstilen. Das heißt, ich nutze sehr viel Rollenspiele. Auch deswegen, weil ich festgestellt habe, dass da sehr viele Ideen hängen bleiben. An Hochschulen steht weniger im Vordergrund, dass die Studierenden später in Forschung und Lehre bleiben, sondern in den Beruf gehen. Da ist es nochmal umso wichtiger, ein Gefühl für das Berufsleben zu geben. In diesen Rollenspielen begeben wir uns in die Rolle des Betriebes oder Unternehmens. Das dient auch, den Studierenden ein Gefühl für die Realität zu geben.

Vielen Dank für das Interview.

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